Seit Mitte März hat die Corona-Pandemie die Welt verändert. Die Schulen sind deutschlandweit geschlossen und wir Eltern müssen uns seither neben der Organisation der eigenen Berufstätigkeit mit dem Thema Home-Schooling auseinandersetzen. Dieses bestand bisher primär darin, dass die Klassenlehrer Arbeitsmaterial meistens für Wiederholung zur Abholung an der Schule, per E-Mail an die Eltern und an einigen Stellen auch über die Schul-Clouds verteilten. Die Kinder und Eltern waren ab dem Moment dann nicht selten sich selbst überlassen.

Wenn es auch sicherlich nachvollziehbar war, dass in den Wochen vor den Osterferien keine besseren Konzepte zum Umgang mit der aktuellen Situation zur Verfügung standen, ist es aus Sicht der Eltern im Großen und Ganzen sehr enttäuschend, wie wenig sich diesbezüglich auch nach 5 Wochen – am Ende der Osterferien getan hat.

Nun steht die Öffnung der Schulen wieder an – vermutlich rollierend und tageweise - und nach wie vor gibt es kein Konzept, welches die aktuelle Situation mit Home-Schooling adäquat adressiert.

Wenngleich einige sehr engagierte Lehrkräfte, Schulleitungen und Kollegien sicherlich vorbildlich handeln und über Grenzen hinaus gehen, um optimale Lernbedingungen für Schüler und Schülerinnen zu ermöglichen, ist die allgemeine Situation mehr als unzureichend.

Die Stadtschulpflegschaft spricht hierbei sowohl das Land NRW als auch die Schulträger der Schulen in Paderborn und auch explizit die Schulleitungen an.

Viel zu häufig hören wir Eltern, was alles aus welchen Gründen nicht geht oder erst nach eingehender Prüfung funktionieren kann.

Niemand hat geprüft, ob Home-Schooling in der jetzigen Form funktioniert, weder Eltern noch Kinder wurden auf diese Form des Unterrichts vorbereitet. Es gab keine Phase der Konzeptentwicklung oder Zeit um Infrastruktur (IT, Internet usw.) aufzubauen.  Ebenso wenig wurden wir Eltern im Umgang mit Hard- und Software oder dem Lehrmaterial unserer Kinder geschult.

Schulen sind keine IT-Unternehmen, Lehrer keine IT-Spezialisten und das Schulsystem kein flexibel reagierendes Wirtschaftsunternehmen. Das ist genauso wahr, wie auch viele Eltern keine IT-Experten und keine ausgebildeten Pädagogen sind.

Wir Eltern erwarten von allen im Schulsystem verantwortlich handelnden Personen, pragmatische, kurzfristige und vorwärts gerichtete Lösungen, die ermöglichen statt verhindern.

Außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen!

Deshalb fordern wir als Stadtschulpflegschaft Paderborn:

Schulträger:

  • Kurzfristige Organisation eines runden Tisches, um das weitere Vorgehen zu entscheiden (Schulträger, Schulleitungen, Eltern, Schüler).
  • Kurzfristig – noch deutlich vor den Sommerferien - die Bereitstellung einer Lösung für Videokonferenzen (MS Teams, Google Classrooms, WebEx, GoToMeeting, …)
  • Eine adäquate technische Ausstattung der Lernstatt Paderborn bis spätestens zu Beginn des Schuljahres 2020/21:
    • Videokonferenzsystem, das mit der Anzahl der Schülerinnen/Schüler und Lehrkräften skaliert.
    • Ein stabiles und verlässliches E-Mail-System.
    • Eine verlässliche und skalierbare Infrastruktur der Lernstatt-Server.
    • Mehr Personal für den Ausbau und Betreuung der Infrastruktur.
    • Software und Infrastruktur die „Lernen aus der Ferne“ ermöglicht.
  • Die Ausstattung aller Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler mit dazu notwendiger Hardware.

 Paderborner Schulleitungen:

  • Mut, Offenheit und Flexibilität gegenüber Alternativen zur Lernstatt und zumindest bis die Lernstatt adäquat ausgebaut ist.
  • Freiräume für Experimentieren mit alternativen Lernkonzepten für die Lehrkräfte schaffen.
  • Verpflichtende Erreichbarkeit aller Lehrkräfte zu den üblichen Unterrichtszeiten per E-Mail und in jedem Fall mindestens auch telefonisch oder im besten Fall per Videokonferenz.
  • Förderung und Anwendung von alternativen Lernkonzepten zur Förderung des Lernens im Home-Schooling (selbständiges Lernen).
  • Koordination der Schulen untereinander: einheitliches Konzept bezüglich des Home-Schooling
  • Zeitnahe Korrektur der gestellten Aufgaben und Rückmeldung dazu an die Schülerinnen und Schüler durch die Lehrkräfte.
  • Vermittlung neuen Stoffs. Die Wiederholung bereits vermittelten Stoffs reicht nicht aus.
  • Versorgung der Schülerinnen und Schüler auch im Home-Schooling mit individuellen zieldifferenten bzw. dem Leistungsvermögen angepassten Unterrichtsmaterialien und Aufgaben, wie es im Präsenzunterricht pädagogischer Standard ist.
  • Gezielte Ansprache und Begleitung von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf und ebenso von Kindern aus sozial schwachen Verhältnissen.

 Land NRW:

  • Mehr finanzielle Unterstützung der sozial benachteiligten Familien zur Versorgung mit Hardware für Home-Schooling und digitalen Unterricht.
  • Didaktische Unterstützung der Schulen zur Umsetzung eines digitalen Unterrichts.
  • Konkrete Pläne zur Umsetzung der Wiederbeschulung, nicht nur für die Abschlussklassen.
  • Klärung der Perspektive/Strategie: Wie soll es nach den Sommerferien weitergehen?

 

Die aktuellen Herausforderungen können nur gemeinsam unter aktiver Einbeziehung auch von Eltern und Schülerinnen und Schülern erfolgreich umgesetzt werden. Es bedarf Lösungsansätze, die es so in der Vergangenheit noch nicht gab und die bis vor einigen Wochen nicht denkbar gewesen wären.

Aber wer hätte vor 3 Monaten schon geglaubt, es wäre in Deutschland möglich, dass der reguläre Schulbetrieb von einem auf den anderen Tag ruht?

Sich auf Formalismen und eingespielte Verfahren zu berufen, wird der Situation nicht gerecht.

Alle Beteiligten, also Schule, Schulträger und Land NRW sollten die aus der Krise gewonnenen Erkenntnisse als Chance begreifen, um die Versäumnisse in Sachen Digitalisierung aufzuarbeiten.